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09.05.2017, 07:02 Uhr
Warum wir Nachhaltigkeit und Vertrauen brauchen
Die Auseinandersetzung um Werte und Leitbilder entscheidet über unseren Weg in die Zukunft. Ein Diskussionsbeitrag von Alois Glück.
 Die einmalige Zeit innerer und äußerer Stabilität ist zu Ende    

Als ich vor einigen Jahren in der Normandie wieder auf dem großen Kriegsgräberfriedhof La Camb am Grab meines Vaters stand, kam mir plötzlich in den Sinn: Was hätte die Generation meines Vaters dafür gegeben, unsere Probleme und unsere Chancen zu haben! Mir wurde erstmals bewusst, dass ich zu einer privilegierten Generation gehöre. Ein Lebensweg mit vorher unvorstellbaren Lebenschancen. Und dies nicht nur mit wachsendem Wohlstand und technischem Fortschritt, sondern vor allem auch mit großen humanen Fortschritten: Soziale Durchlässigkeit mit dem Wegfall der Festlegung auf einen bestimmten Lebensweg und Lebenschancen per Geburt. Neue Bildungswege und wachsende soziale Gerechtigkeit in einem solidarischen Sozialstaat. Achtung und Rechtssicherheit für Minderheiten. Gleichberechtigung der Frauen. Große humane Fortschritte wie etwa in der Entwicklung der Behindertenhilfe. Jahrzehnte der Entwicklung in einem stabilen Rechtsstaat und in einer stabilen Demokratie. Jahrzehnte in Frieden und Freiheit. Eingebettet und eingebunden in den großartigen und weltweit einmaligen Prozess der europäischen Einigung.

Dies schien uns alles so selbstverständlich, dass wir uns mit diesen Grundlagen unseres Gemeinwesens und unserer außergewöhnlichen Situation immer weniger befasst haben. Diese „Selbstverständlichkeiten“, diese Selbstgewissheiten, sind nun infrage gestellt. Durch innere Krisen in unseren Gesellschaften und durch internationale Entwicklungen. „Die Welt ist aus den Fugen geraten“, ist nun die gängige Situationsbeschreibung. Der Traum vom Siegeszug der freiheitlichen Demokratie westlicher Prägung ist geplatzt. Die Wirklichkeit ist ein Wettbewerb der politischen Ordnungen zwischen autokratischen-autoritären Systemen und den freiheitlichen, rechtsstaatlichen Demokratien. Der Trend geht dabei gegenwärtig eindeutig in die Richtung der autokratischen und autoritären Systeme. Wir werden diesen Wettbewerb nicht gewinnen durch Aufregung und Empörung. Die nun unausweichliche Auseinandersetzung um Werte und Leitbilder können wir nur mit überzeugenden Argumenten für unsere Werte und Leitbilder und den notwendigen politischen Weichenstellungen und Entscheidungen gewinnen.

 

Die Angst ernst nehmen – die Angst überwinden

 

Wir werden den Ängsten der Menschen nicht gerecht und wir helfen Ihnen nicht weiter, wenn wir nur ihre Ängste bestätigen und so unser Einfühlungsvermögen und unsere Zuwendung demonstrieren. Angst ist in unserem Leben ein wichtiger Sensor vor möglichen und realen Gefahren. Aber die Angst darf uns nicht blockieren und lähmen. Nur durch das Überwinden von Ängsten, durch die Erfahrung mit richtigem Verhalten gegenüber Gefahren, wird das Kind zum lebenstüchtigen Menschen. Überwinden können wir Ängste eben nur dadurch, indem wir lernen, mit noch unbekannten und unsicheren Situationen umzugehen und entsprechende Fähigkeiten zu erwerben. Das gilt auch für Gesellschaften. Die Leistungen der Vergangenheit bei der Bewältigung von Krisen und Schwierigkeiten sollten uns mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen geben. Verantwortungslos ist es, die Ängste politisch zu vermarkten. Wenig überzeugend sich nur „verständnisvoll“ anzubiedern. Die wirksamste Hilfe zur Überwindung der Angst ist vertrauenswürdiges Verhalten und Gestalten. Vertrauen ist untrennbar mit Glaubwürdigkeit verbunden. Und nur so kann das zentrale Problem dieser Zeit, der große Vertrauensverlust gegenüber ziemlich allen Institutionen und dem jeweiligen Führungspersonal, gemeistert werden.

 

Die Kehrseiten der pragmatischen Modernisierung

 

Über Jahrzehnte hat weitgehend wertfreier Pragmatismus die Entwicklungen geprägt. Der sachbezogene Pragmatismus wurde als Sieg über die „Ideologien“ gefeiert. „Modernisierer zu sein, befreit vom Ballast, eine Position beziehen zu müssen, eigene Kriterien für richtig und falsch, für Freund und Feind, womöglich gar für Gut und Böse zu vertreten.“ (Jan Ross, Die Zeit, 15.7.1989) Eine solche Modernisierung macht uns orientierungslos, geistig und kulturell heimatlos. Wir müssen uns mit Problementwicklungen in unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Was sind zum Beispiel die Ursachen für den seit Jahren wachsenden Prozess der Verrohung in Sprache und Verhalten? Die zunehmende Respektlosigkeit im Umgang der Menschen untereinander? Das Ausmaß an Gewalt der Kinder untereinander in Kindergarten und Schule, gegenüber Lehrkräften (auch von Eltern!)? Der Gewalt gegenüber Sanitätern, Ärzten in der Notaufnahme der Krankenhäuser und gegen Polizisten. Für die notwendige offene und kritische Selbstreflexion dürfen wir keine Tabuzonen errichten. Etwa, wenn es um die Folgen unserer Lebensstile geht und die Auswirkungen auf die Kinder und die Familien. Die Konflikte und Krisen in unserer Gesellschaft und die Resonanz der populistischen Kräfte sind auch Hinweise auf Fehlentwicklungen und Defizite: „hausgemachte“ Probleme, die wir nicht der Globalisierung, der Zuwanderung oder irgendwelchen anonymen Kräften zuschreiben können. Dies aufzunehmen und Konsequenzen zu ziehen ist eine heilsame Herausforderung.

 

Werte und Leitbilder prägen die Entwicklungen

 

„Geld regiert die Welt!“ Das ist immer wieder auch die konkrete Alltagserfahrung. Trotzdem: Tatsächlich werden Entwicklungen in Kulturen und Zivilisationen von den dominanten Wertvorstellungen geprägt. Was ist uns wichtig? Was beschreibt unsere Werte, unsere Leitbilder? In der Antwort darauf ergeben sich die Prioritäten im Einsatz unserer Mittel und unserer Zeit. Das gilt für uns individuell und ebenso für unsere Gesellschaft. Die öffentlichen Haushalte sind das Spiegelbild der Werte und der Prioritäten einer Gesellschaft. Sie prägen das Bildungswesen ebenso wie die Wirtschaftsordnung und den Sozialstaat. Sie prägen die politische Kultur, den politischen Prozess und das Staatswesen. Und eben darum geht es im Kern der gegenwärtigen Auseinandersetzungen. Innenpolitisch und in der internationalen Politik. Trump und Putin, radikale Islamisten, Populisten und Nationalisten aller Prägungen wollen eine andere Gesellschaftsordnung und eine andere Wirtschaftsordnung. Sie kämpfen gegen die Werte und die Regeln der freiheitlichen Demokratie mit ihrer Bindung an den Rechtsstaat. Das ist ihr Kampf gegen die „westlichen Werte“! Das Fundament unserer Werteordnung ist das Menschenbild der christlichen Tradition,  das in Artikel 1 des Grundgesetzes als gemeinsame Verpflichtung formuliert ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Die Verbindung von Freiheit und Verantwortung, von Leistungsbereitschaft und Solidarität ist Grundlage unserer Gesellschaftsordnung. Die Soziale Marktwirtschaft und die Leitlinien des Sozialstaates sind danach geordnet.

 

Angst vor Identitätsverlust und Fremdbestimmung wird zur starken Kraft

 

Nur, wenn wir erkennen und verstehen lernen, dass die gegenwärtigen Konflikte vor allem Wertekonflikte sind, werden wir diese oft so scheinbar rätselhaften Prozesse besser verstehen. Dazu gehört vor allem die beinahe weltweite Entwicklung einer Angst vor Identitätsverlust. Wer sind wir und wo bleiben wir – in dieser globalisierten, unübersichtlichen, „multikulturellen“ Welt? Der neue und starke Faktor in den gegenwärtigen Entwicklungen sind diese kulturellen Ängste, häufig auch noch religiös aufgeladen. Das zeigen Bündnisse wie das von Putin und der orthodoxen Kirche in Russland, oder die Verbindungen konservativer Kräfte in den christlichen Kirchen mit rechtspopulistischen und nationalistischen Kräften. Auch der hohe Anteil von Mitgliedern christlicher Freikirchen in der Regierung Trump! Diese Bündnisse sind häufig von der Haltung geprägt: Für das „Richtige“ einzustehen ist wichtiger, als das „Richtige“ zu tun. Das prägt dann Wahlergebnisse mehr,  als alle Erfolge für Wohlstand und soziale Sicherheit. Unsere Antwort auf die Angst vor Identitätsverlust und „Überfremdung“: Patriotismus statt Nationalismus.

 

Patriotismus – das ist Wertschätzung und Pflege der eigenen Kultur und damit Orientierung und Sicherheit in der eigenen kulturellen Prägung. Das ist eine dringliche Aufgabe für unser Bildungswesen, das leider immer mehr von Tests und Vermittlung von verwertbarem Wissen geprägt ist und immer weniger von Erziehung und Bildung. Damit wird auch der Persönlichkeitsbildung leider kaum noch Zeit und Raum gegeben! Patriotismus ist Kenntnis und Wertschätzung unserer eigenen Kultur und Respekt gegenüber anderen Kulturen. Nationalismus bedeutet Überhöhung der eigenen Kultur mit Absolutheitsanspruch und dem Charakter einer Ersatzreligion, verbunden mit  Abwertung und Ausgrenzung anderer Kulturen. Faschismus und Nationalsozialismus wurden für viele zur Ersatzreligion. Nationalismus führt immer wieder zu Konflikten, Kriegen, Leid und Elend. Diese Lehre der Geschichte müssen wir weitergeben. Die anderen prägenden Konfliktlinien sind die Leitbilder für Ehe und Familie, das Verhalten gegenüber Homosexuellen und Minderheiten, sowie die Gender-Debatte.

 

Die Krisen der Globalisierung erfordern neue Regeln und Leitbilder

 

Das Weltwirtschaftsforum 2017 in Davos war geprägt von kritischen und selbstkritischen Debatten über die Ergebnisse des Globalisierungsprozesses. Die Globalisierung erfährt weltweit einen dramatischen Vertrauensverlust. Das bedroht die Grundlagen und Voraussetzungen nicht nur für die Wirtschaftsbeziehungen, sondern ebenso für die internationale Zusammenarbeit und den Frieden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete am 17. Januar 2017 von einer Umfrage des renommierten Instituts „Edelmann Trust Barometer“ in 28 Ländern: „Denn jeder zweite der Befragten ist der Meinung, dass man keine Freihandelsabkommen mehr abschließen sollte, da sie den Arbeitern im eigenem Land schadeten. Sogar 70 % stimmen der Aussage zu, dass die Interessen des eigenen Landes über denen des Rests der Welt stehen sollten.“ Das Wirtschaftsmodell, das 20 Jahre lang unangefochten dominierte, steht plötzlich in Frage. Und dies trotz unbestreitbarer Erfolge in der Bekämpfung der Armut in der Welt. „Wir liberale Ökonomen haben unterschätzt, dass nicht alle gleichermaßen von der Globalisierung profitieren. Für größere Teile der Bevölkerung ist das Leben härter geworden“, wird einer der führenden deutschen Ökonomen, Thomas Straubhaar, zitiert. Nur wenn diese Auswirkungen des bisherigen  Globalisierungsprozesses ehrlich benannt und daraus auch entsprechend Konsequenzen gezogen werden, kann dieser gravierende Vertrauensverlust überwunden werden. Wir dürfen diese Debatte und das Ringen um notwendige Korrekturen nicht nur anderen überlassen! Das Versagen bei notwendigen Neuordnungen nach der Finanzkrise darf sich nicht wiederholen! Nur so kann auch verhindert werden, dass die Populisten und Nationalisten weiter Zulauf bekommen und im Ergebnis die Welt ins Chaos steuert.

 

Das weltweite Internet schaffte eine weltweite Schicksalsgemeinschaft

 

Der große Zustrom von Flüchtlingen und Migranten markiert eine andere gravierende Veränderung und Entwicklung, die uns, die wir bislang als starke Exportnation zu den großen Gewinnern zählten, besonders zu schaffen macht. Wir werden täglich zunehmend Teil einer weltweiten Schicksalsgemeinschaft. Die Krisen und Konflikte aus der ganzen Welt kommen direkt vor unsere Haustüre. Es gibt keine ruhige Insel der Stabilität und der Sicherheit Deutschland inmitten einer immer unruhigeren und konfliktreichen Welt. Die weltweite Vernetzung mit der digitalen Kommunikation hat dabei eine Schlüsselrolle. Das Internet ist die Basis für den internationalen Finanzmarkt und den weltweiten Handel, für unsere Exporte und unseren Wohlstand. Das Internet ist mittlerweile aber auch der Schlüsselfaktor für soziale und politische Bewegungen in der Welt. Die Armen in der Welt wissen, wie wir, die Reichen, leben. Der Terrorismus hat hier seine propagandistische und logistische Grundlage. Das ist Realität, damit müssen wir uns auseinandersetzen, darauf müssen wir uns einstellen. Das hat viele anstrengende und unangenehme Konsequenzen. Das erfordert eine neue Sichtweise und Bereitschaft für unser internationales Engagement. Von besonderer Bedeutung für Europa wird dabei die weitere Entwicklung in Afrika sein. Dies wird wiederum wesentlich davon abhängen, ob die Europäer zu einer gemeinsamen Afrika-Politik in der Lage sind. Die Initiative unseres Ministers für Entwicklung und Zusammenarbeit Gerd Müller mit dem „Marshallplan mit Afrika“ und das Programm der Bundesregierung im Vorsitz der G 20 sind dafür eine gute Grundlage. Darüber müssen wir Bescheid wissen und auch darüber sprechen!

 

Nachhaltigkeit ist das Leitbild für eine gute Zukunft

 

Eine zukunftsfähige Kultur braucht andere Leitbilder als die Konsumgesellschaft. In einer Gesellschaft mit dem Leitbild der Cleveren, in der „dumm“ ist, wer nicht überall das Maximale für sich herausholt, wo nur akzeptiert wird, was mir persönlich nützt, kann Nachhaltigkeit nicht verwirklicht werden. Nachhaltigkeit ist ohne festes Wertefundament, ohne eine starke Motivation der Verantwortung gegenüber den Nachkommen und für die Menschen in anderen Regionen dieser Welt nicht möglich. Dieser Maßstab ist globalisierungstauglich! Kein westliches Kulturprodukt, das wir anderen aufdrängen wollen. Das langfristige Denken, die Verantwortung gegenüber den Nachkommen, der sorgsame Umgang mit den Ressourcen, hat in allen Religionen und Kulturen der Welt eine Heimat. Der Maßstab Nachhaltigkeit ist fachübergreifend richtig und als Bewertungsmaßstab für alle sozialen und politischen Prozesse tauglich. Daher ist dieses Prinzip geeignet, gesellschaftliche und politische Entwicklungen und Entscheidungen und ihre Wirkung auf Gegenwart und Zukunft zu bewerten. Das Leitbild Nachhaltigkeit wirkt nicht konservierend. Nachhaltigkeit verwirklichen ist eine große innovative Herausforderung für Wissenschaft und Wirtschaft. Eine Herausforderung für die besten Kräfte, eine lohnende Herausforderung für den Forschergeist, den Pioniergeist und die Gestaltungskraft der jungen Generation! Es geht ja vor allem um ihre Zukunft! „Unsere Kinder sollen es besser haben“, war für Jahrzehnte das Ziel der Eltern. Jetzt heißt die Aufgabe: Wir brauchen Veränderungen, damit unsere Kinder und Enkel eine gute Zukunft haben können. Mehr Zukunftsverantwortung ist notwendig, nicht nur von Eltern. Nachhaltigkeit war für frühere Generationen eine Überlebensfrage, weil nur so die Lebensgrundlagen für die Familien und für die nächste Generation erhalten bleiben. Jetzt ist der Maßstab Nachhaltigkeit wieder zu Überlebensfrage geworden. Die Überlebensfrage für unsere Nachkommen und ebenso für die vielen Menschen in Regionen, wo Lebensräume durch die Ausbeutung der Natur und der Menschen zugunsten der Wachstumsgesellschaften ruiniert werden. Nachhaltigkeit, längerfristiges Denken ist konservatives Denken. Umso irritierender ist, dass die „Konservativen“ in den Parteien und in den diversen gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Formationen dieser Aufgabe fast durchwegs ablehnend gegenüberstehen. Nachhaltigkeit ist die positive Alternative zum Egoismus der Nationalisten!

 

Unsere Demokratie ist kein gesicherter Besitzstand

 

Die größte Gefahr für unsere Demokratie sind nicht ihre Gegner. Die größte Gefahr sind die Gleichgültigkeit und die Zuschauermentalität. Wir brauchen eine veränderte Einstellung zum Staat und zum politischen Engagement. Der Staat ist nicht ein Dienstleistungsbetrieb für unsere Ansprüche, sondern unsere gemeinsame Aufgabe. Nur der handlungsfähige und durchsetzungsfähige Rechtsstaat kann den einzelnen Menschen schützen und ein geordnetes Zusammenleben gewährleisten. Nur so sind verträgliche Konfliktlösungen möglich. Die Demokratie ist mehr als ein Regelwerk für die Klärung von Mehrheiten. Die freiheitliche Demokratie ist die Verwirklichung von Werten durch die Wertorientierung ihrer Akteure und durch die entsprechenden Strukturen. Das setzt voraus, dass die politischen Mehrheiten die Unabhängigkeit der Justiz und der Rechtsprechung respektieren und nicht aushöhlen. Die Qualität der Demokratie zeigt sich im Umgang mit den Minderheiten und in der Gewährleistung von Meinungs- und Religionsfreiheit. Eine lebensfähige Demokratie gibt es nur mit dem Engagement von Bürgerinnen und Bürgern und mit dem Engagement in politischen Parteien, die den politischen Prozess gestalten und Verantwortung tragen. Es ist in unserem Land schick geworden, über Politik und Politiker und staatliches Handeln nur noch abwertend, abschätzig zu reden. Mit dem Internet können wir uns informieren, andere informieren, mobilisieren bis hin zu Revolutionen – aber über das Internet kann kein Gemeinwesen und kein Staatswesen gestaltet werden! Das zeigen die bitteren Erfahrungen mit dem „Arabischen Frühling“ oder auch die kurze Scheinblüte der Piraten-Partei hierzulande.

 

Deshalb müssen wir für eine neue Wertschätzung des politischen Engagements und die Bedeutung des handlungsfähigen Rechtsstaats eintreten. Dazu gehört auch, dass in der Politik nicht wechselseitig abschätzig und abwertend übereinander gesprochen wird. Meinungsverschiedenheit mit Leidenschaft, aber auch mit Respekt auszutragen, das fördert die Qualität des politischen Handelns und fördert das Vertrauen der Menschen zu den Akteuren und den Strukturen. Die Vertrauensfrage ist die Schlüsselfrage für Gefolgschaft und Zustimmung. Vertrauen ist untrennbar mit Glaubwürdigkeit der Personen und ihre politischen Konzepte verbunden. Die Wahlentscheidungen werden zunehmend Entscheidungen nach dem Maßstab getroffen: Wem vertraue ich?

 

Alois Glück