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31.03.2017, 13:02 Uhr
Neue Wege für die Landwirtschaft der Zukunft
Bayerns Agrarminister Helmut Brunner diskutiert bei Fachgespräch in Traunstein über Krisenstrategien zum Hoferhalt
Stark schwankende Erzeugerpreise und steigender Arbeitsdruck, hohe Investitionen und ein immer dichter werdendes Bürokratie-Dickicht machen Bayerns Landwirten und der Ernährungswirtschaft zu schaffen. Dazu kommt ein anhaltend schlechtes Image in der Öffentlichkeit, das dazu beiträgt, dass Fälle von Burnout und psychischen Problemen auch auf den Höfen ansteigen. Mit welchen Zukunftsstrategien das Landwirtschaftsministerium das Höfesterben vermeiden und den Bauern in der Region den Rücken stärken will, das machte Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner bei einem Fachgespräch des CSU-Kreisverbands im vollbesetzten Saal des Sailerkellers in Traunstein deutlich. Eingeladen hatte dazu der Traunsteiner Stimmkreisabgeordnete Klaus Steiner. Er ist Mitglied im Agrarausschuss des Landtags.
Auf dem Hof von Johann Kaindl in Marwang mit Laufstallhaltung informierte sich Landwirtschaftsminister Helmut Brunner
Traunstein - Info-Besuch zu modernem Hofbetrieb Bevor er sich der Diskussion mit den Landwirten stellte, verschaffte sich Brunner bei einer Betriebsbesichtigung auf dem Hof von Johann Kaindl aus Marwang mit rund 100 Milchkühen einen Eindruck, wie moderne Landwirtschaft mit Laufstallhaltung aussehen kann. Wo in einzelnen Bereichen der Region besonders der Schuh drückt, erfuhr Brunner im Anschluss im kleinen Kreis bei einem nichtöffentlichen Gespräch mit Experten sowie Verbands- und Behördenvertretern. Konkret ging es um Themen wie die Vermarktung von hochwertigem Rindfleisch über die Erzeugergemeinschaft Traunstein bzw. des Schlachthofs Traunstein sowie die Nitratbelastung des Grundwassers. Minister Brunner sagte zu, die Fördermöglichkeiten der Vermarktungsoffensive für einheimisches Rindfleisch zu prüfen. Beim Diskussionspunkt Nitrat im Grundwasser verweis Brunner auf die Düngeverordnung, die Ende März im Bundesrat zur Abstimmung steht. „Wir brauchen eine Lösung mit den Bauern und die können nur in einem gemeinsamen Dialog und klaren gesetzlichen Regelungen liegen“. Klaus Steiner wies darauf hin, dass Bayern bereits mehrere Vorstöße unternommen habe, um das Umbruchgebot in Schutzgebieten aufzuheben. Tierwohl und Umweltstandards Beim öffentlichen Vortrag vor den zahlreich erschienenen Landwirte, Tierärzte, Kommunalpolitiker und Behördenvertreter stellte Steiner die Bedeutung der Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft für die Produktion hochwertiger Lebensmittel in der Region heraus. Gerade durch die Landschaftspflege und Urlaubsangebote komme den vielen kleinbäuerlichen Betrieben ergänzend eine wichtige Rolle im Tourismus zu. Da das Tierwohl und Umweltstandards gerade in Bayern wichtige Faktoren seien, so Steiner, wende er sich vehement gegen den Generalverdacht gegenüber Landwirten als Tierquäler und Bodenvergifter in der Öffentlichkeit. Die Vorwürfe stiegen mit der wachsenden Unkenntnis über die tatsächlichen Produktionsbedingungen in den Betrieben. Hier hakte Landwirtschaftsminister Helmut Brunner mit einem eindringlichen Appell zur Selbstkritik und verbesserter Öffentlichkeitsarbeit nach. Zum einen achte man darauf, bereits in der Ausbildung von Landwirten dem Thema Kommunikation neben Betriebsführung und Produktionstechnik mehr Bedeutung beizumessen. So müsste der Wandel in der Landwirtschaft durch strengere Vorschriften und neue Erkenntnisse zu den Themen Pflanzenschutz, Dünger und Stallhaltung auch deutlich gemacht werden. Der Freistaat wolle mit dem „bayerischen Weg“ im Unterschied zu anderen Bundesländern die kleinteilige bäuerliche Struktur erhalten, ökologische Ansätze stärken und setze dabei auf Freiwilligkeit. Produktionsprozesse transparenter machen Die Neugier der Verbraucher komme Landwirten dabei entgegen, Produktionsprozesse transparenter zu machen und auch die Thema Regionalität und Nachhaltigkeit stärker für die Eigenvermarktung zu nutzen. Mit einer Marketingoffensive für Premiumqualität aus Bayern unterstütze das Landwirtschaftsministerium die Bemühungen um eine höhere Wertschätzung bäuerlich erzeugter Lebensmittel. Mit einem Plus von 148 Millionen Euro im Doppelhaushalt 2017/18 versuche der Freistaat, die 110.000 Familienbetriebe zu stabilisieren und für die Zukunftsaufgaben fit zu machen. Dazu werden insgesamt 250 Millionen Euro in das Kulturlandschaftsprogramm investiert zur umweltschonenden Landbewirtschaftung. Als Reaktion auf die niedrigen Milchpreise wurde im letzten und diesen Jahr zudem bundesweit ein Hilfspaket von 581 Millionen Euro geschnürt. Um erneuten Milchpreiskrisen sie Spitze zu nehmen, sprach sich Brunner für die strenge Einhaltung von Lieferkontingenten und faire Lieferverträge auch mit kurzfristen Laufzeiten für Landwirte aus. Förderprogramm für kleinere Höfe Der Minister sprach in diesem Zusammenhang zudem ein neues Förderprogramm für kleinere Landwirtschaftsbetriebe seit diesem Jahr an. Es soll auch diese beim teuren Wechsel von der Anbinde- zur Laufstallhaltung unterstützen, der bereits in 70 Prozent der Betriebe Praxis ist. In Gesprächen mit Discountern habe er sich dafür eingesetzt, den Laufstallzwang als Voraussetzung für die Milchabnahme zeitlich zu strecken. Um besser auf die durch Globalisierung und Digitalisierung eingeleiteten starken Veränderungen reagieren zu können, empfahl Brunner den Landwirten die Verteilung der Lasten auf mehrere wirtschaftliche Standbeine. Neue Geschäftsfelder wie Kinderbetreuung und Pflege könnten gerade auch jungen Bäuerinnen mit unterschiedlichen beruflichen Zusatzqualifikationen Chancen eröffnen. Mit einer Vielzahl von Schulungs- und Beratungsangeboten fördere der Freistaat den Weg in die Zukunft. Dazu zählen auch die Erschließung neuer Wertschöpfungsketten für Regionalprodukte. Hohe Arbeitsbelastung und Bio-Landwirtschaft In der Diskussion stellte die ehemalige Kreisbäuerin Resi Schmidhuber heraus, dass die Arbeitsbelastung auf den Höfen bereits jetzt sehr hoch sei. Baue sich die Bäuerin ein eigenes Unternehmen auf, falle sie als Arbeitskraft weg, was oft schwer zu kompensieren sei. Mehr Unterstützung wünsche sie sich bei den früher ganz selbstverständlichen Bauernhofbesuchen für Schulen: „Da müssen wir jetzt darum bitten, dass überhaupt jemand kommt.“ Ein anderer Zuhörer kritisierte die stark gesunkene Laufstall-Förderung. Brunner entgegnete, das Ministerium habe sich diesbezüglich massive Kritik anhören müssen, in Zeiten der Milchkrise die Produktionsausweitung zu fördern. Zur Förderung der Umstellung auf Bio-Betriebe erklärte der Minister, hier arbeite man an einer höheren Wertschöpfung im eigenen Land: „Warum importieren wir Bio-Dinkel aus der Ukraine und Bio-Kartoffeln aus Ägypten?“ Weitere Fragen umfassten die Themen schmerzfreie Ferkelkatastration, Bauprobleme mit Natura 2000-Flächen, die neue Düngeverordnung und bessere Forschung zur Güllestabilisierung sowie mehr Planungssicherheit angesichts immer kurzzeitigerer Förderprogramme. Brunner erklärte ergänzend, durch die bessere Abstimmung mit Experten aus der Praxis als „Bürokratiefilter“ versuche das Ministerium das ausufernde Dickicht neuer Verordnungen zu lichten.